Rock´n´Roll will never die

März 4, 2014

 

Es war wohl 1986. Ich hatte mein Abitur gemacht, mich an der FU für Politologie eingeschrieben, weil ich keinen Platz für Journalistik bekam und begann den ersten Kunden in unserem Unternehmen weitgehend allein zu betreuen.

Es war die Otto Herrmann Fahrzeugbau GmbH und Co. KG in Berlin-Reinickendorf.

Deren Geschäftsführer, Dr. Wahler, der meistens nur „der Doktor“ im Unternehmen genannt wurde, wollte die Firma neu strukturieren. Dafür war neue Hard- und Software nötig. Die Hardware wurde von Horn & Görwitz geliefert, die Software kam von uns.

Schon recht bald erzählte mir der Doktor, dass sein Sohn Musiker sei. Ich hatte erwartet, er würde in einem Elite-Orchester spielen, doch dann erzählte er, dass er bei den Suurbiers spielte, womit er mein Interesse weckte.

Die Suurbiers waren in Berlin schon etwas bekannt, sie hatten – wenn ich mich richtig erinnere – gemeinsam mit den Ärzten den Senatsrockwettbewerb gewonnen. Eventuell waren sie sogar ein Jahr vor den Ärzten dabei. Meine Erinnerungen an die genauen Jahreszahlen sind nicht mehr so gut.

Jedenfalls hatte ich die Band vorher mindestens einmal auf der Freilichtbühne Hasenheide gesehen.

Irgendwann lernte ich dann auch Micha Wahler, aka Cäpt´n Suurbier, sowie seinen jüngeren Bruder Axel kennen. Micha spielte zum Abschied von Frau Brose, einer Mitarbeiterin von Otto Herrmann, die in Rente ging, eine Version von „Bolle“ – „Aber dennoch hat Frau Brose ganz gern telefoniert“ oder so ähnlich. An das Konzert in der Hasenheide konnte sich Micha sogar noch erinnern, weil das Mikro damals nicht sauber geerdet war und er deshalb beim Singen regelmäßig Stromschläge bekam.

Der Doktor hatte recht viele Ideen, und ich wurde fast Teil der Firma. Relativ bald fragte er mich, ob ich Interesse hätte, die kaufmännische Leitung zu übernehmen. Ich lehnte aber ab, weil ich das Unternehmen meines Vaters weiterführen wollte und inzwischen auf BWL gewechselt war.

Seine eigenen Söhne wollte er auch gern ins Unternehmen einbinden, aber sie waren eher künstlerisch und musikalisch begabt.

An einem Samstag hat er die damals halbfertige Software einigen befreundeten Unternehmern präsentiert. Dazu hatte Axel Bilder gemalt, die den Werdegang illustrieren sollten.

Neben der Arbeit erstellte ich mit einigen Freunden und Freundinnen aus der Schulzeit eine Schülerzeitung, die ich mit gegründet hatte und von der ich mich nicht mit Ende der Schule trennen wollte. So blieb auch immer der Kontakt zur Schule bestehen. Da es allerdings immer mehr Ehemalige wurden, begannen wir, die Zeitung von der Schule loszulösen und als eine Art Jugendzeitung weiterzuführen.

Der Doktor erzählte mir, dass Axel Interesse hätte, bei der Zeitung mitzumachen. Er sei am Suchen.

Unmittelbar nach Mauerfall nahmen wir über einen Radiosender Kontakt zu Jugendlichen in Ostberlin auf und wurden somit die erste West-Ost-Berliner Jugendzeitung. Unsere erste gemeinsame Ausgabe feierten wir mit einer Party. Axel hat uns dort damals leider verpasst. Er schrieb aber für die folgende Ausgabe einen Artikel, den ich layoutete und ins Heft nahm.

Es tut mir bis heute weh, dass ich Axel darüber nicht informierte, denn eines Tages gab es einen Anruf seines Vaters bei uns im Büro.

Er bat dabei, dass ich ihn dringend zurückrufen sollte.

Das war nichts besonderes, er rief oft an, wenn irgendetwas nicht lief. Ich merkte aber schon daran, dass er nicht andere Mitarbeiter von uns mit den Punkten zutextete, dass es etwas anderes war als üblich.

Und als ich zurückrief, erzählte er mir davon, dass sich Axel das Leben genommen hatte. Ich konnte die ganze Zeit nichts sagen und war froh, dass nur er redete und am Ende dann wieder zu Problemen der Software kam. Ich war nach dem Telefonat ohnehin eine Weile lang nicht in der Lage, mit jemandem zu sprechen.

Nach dem Tod von Axel wurde Dr. Wahler immer jähzorniger. Es kam hin und wieder vor, dass ich während der Telefonate den Hörer auflegte, weil ich ununterbrochen angeschrieen wurde.

 

An dieses Telefonat wurde ich vor einigen Tagen erinnert, als sich über facebook verbreitete, dass sich Michael Wahler vor eine U-Bahn geworfen hatte.

 

Auch Micha war nicht immer ein einfacher Mensch.

Bei der Vorgruppe von Stiff Little Fingers im Loft im Berliner Metropol pöbelte es aus dem Publikum auf einmal laut los. In der Pause erfuhr ich dann, dass es Michael war, der meinte, es würde wie „U2 für Arme“ klingen. Nach dem Auftritt von Stiff Little Fingers dagegen meinte er: „Warum kann mein Vater nicht so sein?“ Und als zu meinem Geburtstag in meiner Tempelhofer Wohnung ein Liedermacher mit einem elektrischen Klavier auftrat und Michael keine Zeit hatte, bis zum Ende zu bleiben, bestand er darauf, dass ich dem Musiker sagen sollte, dass ihm seine Musik gut gefallen würde.

Michael habe ich immer als grundehrlichen Menschen kennen gelernt und auch als romantische Seele, der nicht nur laute, aggressive Musik hörte, sondern auch Liedermacher mochte, der auf seinem 30. Geburtstag, bei dem er bat, auf materielle Geschenke zu verzichten, ein „Michael Wader“ von sich gab – das war schon passend.

Von seiner damaligen Freundin wusste ich auch, dass er relativ oft von mir erzählte und meine Fähigkeiten schätzte. Wobei ich für ihn eher der Mathematiker und der Programmierer war, der auch sein Studium mit einer Diplomarbeit abschloss. Für mich war Micha dagegen ein Star meiner Musikrichtung. Und die Musik hat uns verbunden, wenn ich ihn zum Beispiel zu einem Platz fuhr, auf dem sein abgeschleppter schwarzer Leichenwagen stand, den er als Bandauto prädestiniert sah, weil ein Schlagzeug hinein passte. Er hat – daran erinnere ich mich noch – eine Zeile eines Liedes von TV Smith zitiert. Ich weiß nicht mehr, welches Zitat es war, aber es war ein emotionaler Ausbruch, den er mir nahe legte.

Er konnte bescheiden sein, wenn er meinte, er sei bei der Rainbirds-Produktion ja nur der Fahrer gewesen und habe ansonsten nichts weiter dazu beigetragen.

Dass einige seiner Bandkollegen berühmter wurden als er selbst, ist weithin bekannt. Ich hatte aber nie den Eindruck, dass er besonders neidisch darauf gewesen wäre.

Er war sicherlich kein einfacher Mensch. Ich erinnere mich an einen Auftritt der Travelling Suurbiers in der Kreuzberger „Madonna“, als es eine Ohrfeige gab – von wem auch immer.

 

Ich hatte den Kontakt verloren. Otto Hermann ging in Konkurs, der Doktor starb – wie ich auch erst erfahren habe – irgendwann. Micha tauchte mehr oder weniger ab.

 

Irgendwie habe ich das Gefühl, wie beide waren in gewisser Weise Gefangene unserer cholerischen Väter, die uns einerseits die Freiheit gelassen haben, zu tun, was wir für richtig erachten, die uns aber bestimmte Erwartungen auf den Weg gegeben haben, die wir nicht erfüllen konnten. Sein Vater ist inzwischen gestorben, meiner sitzt seit ein paar Jahren im Rollstuhl und kann so gut wie nicht mehr reden.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders.

 

Für mich bleibt die Erkenntnis, dass Micha der personifizierte Rock´n´Roll war. Rock´n´Roll heißt nicht, vor 50.000 Fans zu spielen, die einem zu Füßen liegen, sondern von den besten Freunden aus dem Rinnstein gezogen zu werden, nicht in einer riesigen Luxusvilla zu wohnen, sondern jeden Monat irgendwie die Miete für die Ein-Zimmer-Wohnung zusammen zu kratzen . Rock´n´Roll ist nicht die Musik der Sieger, sondern der Klang der verlorenen Seelen, egal ob laut und wütend oder verzweifelt. Rock´n´Roll ist ein Spiegel der Gefühle. Rock´n´Roll ist nicht die Stadionbombastik, sondern die Gitarre auf der Straße vor dem Becher mit den Centmünzen.

 

Micha Wahler  war Rock´n´Roll, und Rock´n´Roll wird niemals sterben – das wusste schon Neil Young.

 

Irgendwo da oben geht es weiter – dort treffen sie sich alle einmal bei einer ewigen Session, mit seinem Bruder, mit meinem persönlichen Star Stuart Adamson, mit allen, die immer wieder verloren und trotzdem weiter gemacht haben, bis sie an sich selbst gescheitert sind.

 

Mach´s gut, Micha!

Advertisements

Mama Leone – Die neuen Konservativen

Mai 29, 2011

Wir schreiben das Jahr 2011. Ganz Deutschland ist von den Grünen besetzt, die aus den Hirnen des Michels eine Cannabisplantage gemacht haben.
Ganz Deutschland?
Nein – eine kleine konservative Gemeinschaft hält heroisch dagegen.
Sie sind die Guten und nennen sich deshalb – ganz ohne Selbstironie – auch so.
Neben einigen Internetseiten ist ihr Sprachrohr die Underground-Tageszeitung „Die Welt“, aber wenn der Anti-Aggressor nicht aufpasst, dann schaffen sie es zu einer eigenen Kolumne im „Spiegel“ oder zu einer konspirativen Sendung auf „arte“.
Hin und wieder gelingt es ihnen auch, ihr Wochenmagazin „Cicero“ an den einen oder anderen Kiosk zu schmuggeln, aber seit die Grünen diesen Terroranschlag auf das japanische Atomkraftwerk Fukushima verübt haben, nur um endlich einen kommunistischen Ministerpräsidenten durchzusetzen, finden sie sich nicht nur weiter von der Mehrheit entfernt denn je, sie wurden damit sogar in ihrem innersten getroffen und beginnen teilweise, an ihrer eigenen Meinung zu zweifeln.
Ja – selbst die Realität hat sich gegen sie verschworen und besitzt die Frechheit, ihren Thesen nicht zu folgen.

Man kann sich über die neuen Konservativen sicherlich problemlos weiterhin lustig machen. Sie fühlen sich als Sieger im kalten Krieg und suchen nun neue Gegner, denn der „totale Frieden“ (Henryk M. Broder) passt ihnen nicht. Sie benehmen sich wie eine linksradikale Splittergruppe der 70er und 80er Jahre, die auch gern die reine Wahrheit verkündete und es überhaupt nicht verstehen konnte, wenn dem Fabrikarbeiter, für den sie doch kämpften, der Feierabend wichtiger als die Weltrevolution war.
Alan Posener attestierte ihnen eine „stalinistische Ader“, nachdem sich die Macher der „Achse des Guten“ – so eine Art Zentralorgan der konservativen Elite – mit ihm überworfen hatten. Dies ist nicht falsch, und eigentlich könnte man sie rechts liegen lassen. Es handelt sich ja vor allem um eine Bewegung, die neidvoll auf ihre erklärten Feinde schielt, weil sie selber niemanden bewegen kann. Sie bringen – im Gegensatz zur Linken früherer Tage – lediglich eine Hand voll Menschen auf die Straße, um für ihre Interessen zu demonstrieren. Ihre Fans nehmen eben lieber das Taxi.

Dafür aber haben sie eine mediale Omnipräsenz. Sie pöbeln sich durch die Talkshows wie Alkoholiker durch die Kneipenlandschaft, und niemand hält sie auf, wenn sie dabei von der Unterdrückung ihrer Meinung schwadronieren, womit sie damit ihre eigene These diesbezüglich selbst widerlegen.

Ich möchte – aus meiner subjektiven Sicht – gerne versuchen, ein paar Aspekte hervor zu heben:
Erstens stellt sich die Frage, wer diese neuen Konservativen eigentlich sind und was sie vermutlich dazu bewegt, zweitens ist es sicherlich interessanter zu sehen, wie man trotz deren stramm ideologischer Haltung den neuen Kaltkriegern etwas positives oder produktives abgewinnen kann.

Eine Karikatur aus den 80er Jahren kommt mir in Erinnerung, in der Punk-Hippie-Eltern ihren mit Anzug und Krawatte ausgestatteten Sohn anschreien:
„So gehst Du mir nicht aus dem Haus!“

Bei den Neukonservativen, die heute so zwischen Mitte 30 und 50 sind, wird diese Karikatur teilweise tatsächlich einen ernsthaften Hintergrund haben. Menschen wie Jan Fleischhauer erzählen, wie seine Mama beim Misstrauensvotum gegen Willy Brandt so gebannt vor dem Radio saß und aufatmete, als der Bundeskanzler dann doch nicht barzelte.
So resultiert die politische Haltung wiederum aus einem Generationenkonflikt. Konnten aber die Eltern ihren Vätern und Großvätern noch Auschwitz vorwerfen, so reicht es bei den heutigen Fortysomethings gerade noch, die Ostpolitik der 70er Jahre anzuprangern.
Die antiautoritäre Haltung ihrer Eltern führte dazu, dass Konflikte intellektuell ausgetragen oder einfach weggelächelt wurden.
Nicht nur die Prügelstrafe war tabu, auch die Prügeleien auf dem Schulhof mussten nachher ausdiskutiert werden.

Es erscheint aber vor allem als ein Generationenkonflikt mit den Müttern und einer Verweiblichung der Gesellschaft. Folgerichtig stellt die wie eine lebendgewordene Figur von Niki de Saint Phalle erscheinende Grünen-Vorsitzende Claudia Roth auch das ideale Feindbild dar.

Claudia-Roth-Denkmal in Hannover

Für mich lässt sich das gut nachvollziehen:
Der permanente Abgleich des eigenen Verhaltens mit einer moralischen Diktion kann Kinder mürbe machen. Selbst stamme ich ja auch aus einem links orientierten Elternhaus. Vielleicht war es mein Vorteil, dass diese Haltung am Rand von Berlin eher außergewöhnlich war.
Als ein Nachbar wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen wurde, waren wir die einzigen Kinder, die noch mit den „Terroristenkindern“ spielen durften.

Andererseits kann ich mich auch noch daran erinnern, dass ich im Alter von 10 oder 11 Jahren mit jemandem diskutieren sollte, warum ich denn die Sportschau schauen wollte, wo doch Fußball ein bürgerlicher Sport sei. Natürlich ist das Blödsinn, aber damals fiel mir dazu nicht viel ein.

Als ich aber vor kurzem im Internet mit Roten Sternen kollidierte, wurde ich daran wieder erinnert.

Andere Neokonservative stammen aus dem Fundus des 68er-Nachlasses und bestätigen damit den schönen Zweizeiler von Robert Gernhardt:
Die größten Kritiker der Elche
waren früher selber welche

Es ist ja auch legitim, wenn nicht gar bemerkenswert, wenn jemand seine eigenen Positionen überdenkt. Von Francis Piscabia stammt der Satz: „Der Kopf ist rund, damit das denken die Richtung wechseln kann.“
Nun befinden sich so einige der gewendeten Konservativen aber wohl nur auf einer Straße, auf der man entweder nach links oder nach rechts laufen kann oder eben in der Mitte stehen bleibt.
Das Verlassen der Straße überfordert womöglich den eigenen Horizont. Wenn die Ideen der 68er zum größten Irrtum seit Adolf Hitler erklärt werden, lässt sich nur davon abwenden. Die Selbstreflexion entfällt. Was früher richtig war, ist jetzt falsch, daher ist das, was vorher falsch war, plötzlich richtig. Und so fühlt man sich oftmals in den kalten Krieg zurück versetzt, wenn man die Pamphlete liest.

Sollte man also nun diese Bewegung (oder eher Nicht-Bewegung) noch nicht einmal ignorieren, den Fernseher ausschalten, wenn einer von ihnen wieder loslegt und sich daran erfreuen, dass das Internet zur Verbreitung lustiger Katzenbilder geschaffen wurde, so dass man der Bloggerinvasion die Aufmerksamkeit nimmt?

Ich finde das nicht notwendig.

Denn wenn man den ganzen ideologischen Kram beiseite lässt, bleiben oftmals interessante Nachrichten hängen. Und es ist ja beileibe nicht so, dass es in den anderen politischen Richtungen nicht ähnliche Haltungen gäbe.

Gerade bei der politischen Linken halten sich viele an den 1989 gescheiterten Ideen fest, und die grünen Ökomuttis können einem im Alltag gehörig auf den Senkel gehen. Nicht nur die Islamkritiker sind ätzend, die Protagonisten wie Pierre Vogel sind es auch.
Ich finde den „Alles-ist-schlimmer-geworden“-Konsens nervtötend, egal, ob er von linker Seite stammt oder aus der konservativen Ecke kommt und „gegen den linken Mainstream“ argumentieren will.
Und doch lassen sich bei allen Ideologen meist interessante Nachrichten entdecken. Die „Achse des Guten“ weist darauf hin, dass auch Biogasanlagen eventuell krankheitserregende Abfälle erzeugen, oder dass Biosprit – übrigens auch ein böser Irrtum von mir, da ich die globale Wirkung vergessen hatte – zum Waldsterben beiträgt, weil Urwald für Palmenplantagen gerodet wird.

Die meisten Ideologen sind ja gebildet.

Somit lassen sich eben Fakten aus der geballten Meinung extrahieren. Dafür muss man nur analysieren – und kann sich dann selbst eine Meinung bilden.

Denn der Kopf ist ja bekanntlich rund, und neben der Vorfahrtsstraße könnte glatt ein Wald liegen, der keine geraden Wege hat, die nur nach links oder nach rechts gehen, in dem es aber leckere Pilze zu sammeln gibt.

Fußball und Rache

Mai 5, 2011

Wenn ich es richtig im Kopf habe, wurden mir im Leben schon 5 Autoradios entwendet.

Jedes Mal, wenn ich zum Auto kam und den Schaden sah, entstanden bei mir Rachegedanken übelster Art, was in erster Linie daran liegt, dass die gewöhnlichen Kaskoversicherungen eine Selbstbeteiligung beinhalten, die über dem Wert des Radios liegt. Ich hätte so einem Dieb gern die Zähne ausgeschlagen, in einen heißen Topf Teer getunkt oder in einen Raum gesperrt und ihn mit Traktaten von Henryk M. Broder oder Witzen von Mario Barth gefoltert.

Dass ich die Möglichkeit nie hatte, lag darin, dass sich keiner der Diebe erwischen ließ.

Mit der Zeit vergeht ein solches Gefühl, und die Position der eigenen Überzeugung, geprägt aus Erfahrungen und Erziehung und aus vielem mehr setzt sich durch. Nennen wir das als Kollektivverhalten einmal Zivilisation. Die eigenen Gefühle und Rachegedanken treten zurück, und die Überzeugung, dass ein Menschenleben vielleicht doch mehr Wert sein könnte als ein Autoradio – vor allem wenn es sich noch im Schadensmaß der Selbstbeteiligung befindet – setzt sich durch.

Da ich Mitglied und Fan des Fünftligavereins Tennis Borussia Berlin bin, erlebe ich das Gefühl der Verärgerung und der Wut recht häufig. Dem jubelnden Trainer der gegnerischen Mannschaft wünsche ich, dass er den Ball mal voll in die Fresse kriegt, dem Schieri mindestens die Pest an den Hals.

Nun ist Tennis Borussia kein ganz gewöhnlicher Verein. Würde ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, so erfolgte die verbale Maßregelung auf der Stelle – von den eigenen Fans.
Das kann manchmal in endlose Diskussionen führen, wofür ich den Verein und seine Fans aber insgeheim liebe. Das ist mir deutlich lieber als das gewöhnliche Bild des Fußballfans, der andere Menschen hasst oder verprügelt, weil sie das Emblem des verhassten Vereins tragen. Somit sind Fußballfans für mich der Inbegriff des Antizivilsatorischen in der Zivilgesellschaft. Ich weiß, dass dies sehr oberflächlich, zu kurz gegriffen und verallgemeinert formuliert ist, aber ich möchte hier nicht so viel über Fußball schreiben, auch wenn es die Überschrift so suggeriert.

Es geht mir hier in erster Linie über Rache und worüber man sich in einer Zivilgesellschaft nun freuen sollte und worüber nicht.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mann erschossen, und nun wird diskutiert, ob die Freude, die viele Menschen durch die Erschießung dieses Mannes empfinden, einer Zivilgesellschaft angemessen ist oder eher nicht.

Nun lässt sich hier wiederum genauer analysieren:

Das Gefühl der Genugtuung, der Freude über den Tod, der erfüllten Rachegelüste ist eine individuelle Angelegenheit. Wer dieses Gefühl mit seinen eigenen Wertvorstellungen abgleicht, wird eventuell erschrecken, aber es ist ja erst einmal nichts Verwerfliches darin zu erkennen, ein bestimmtes Gefühl zu haben. Die Frage stellt sich eher, welches Handeln nun aus dem Gefühl erfolgt, und dies ist meines Erachtens nach eben das Wesen der Zivilisation.

Heißt es als imperativer Leitspruch mal wieder irgendwo: „Folge Deinen Gefühlen!“, so halte ich das nur dann für richtig, wenn damit gemeint ist, seine Gefühle auch zu hinterfragen und nicht blind das zu tun, was als Handlungsresultat dem akuten Gefühl eigentlich folgen müsste. Es liegt auch im eigenen Interesse, einem Dieb die Hand nicht abzuhacken, im gesellschaftlichen Kontext wird das ohnehin Konsens sein.

Es stellt sich nun also eine andere Frage:
Darf man seiner Freude über den Tod eines Menschen öffentlich Ausdruck verleihen, oder ist das ein Akt, der einer Zivilgesellschaft nicht würdig ist?

Nun verstößt die gezielte Tötung eines Menschen fast immer gegen die moralischen Grundsätze zumindest unserer Gesellschaft, in der ja die Todesstrafe abgeschafft wurde. Es gibt hin und wieder einige Menschen, die die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordern und sich damit jenseits der Vorstellungen des Grundgesetzes und damit der rechtlich-moralischen Basis der Gesellschaft äußern. Eine Forderung nach einer Bestrafung unterscheidet sich dann allerdings wieder von der Äußerung über die Freude.

Der Mann, um den es geht, heißt natürlich Osama Bin Laden und ist für viele das personifizierte Böse gewesen.

Es stellt sich einerseits also die Frage, ob es in Ordnung ist, seine innere Freude über den Tod kundzutun, andererseits ob es eine Rechtfertigung gab, diesen Mann zu töten.

Unsere Gesetze erlauben den „finalen Rettungsschuss“. Dieser darf allerdings nur in einer unmittelbaren Notwehrsituation abgegeben werden. Bei der Tötung von Bin Laden handelte es sich sicherlich nicht um eine solche Notwehrsituation, die Aktion wäre also wohl kaum mit unserer gesellschaftlichen Moral zu erklären gewesen.

Die Diskrepanz zwischen der eigenen Freude über den Tod eines Menschen und der gesellschaftlich fixierten Moral ist für einige Zeitgenossen nicht so recht einsichtig, daher versuchen sie, beides kompatibel miteinander zu machen und definieren nicht nur die Moral um, sondern empören sich gleichzeitig über andere Menschen, die eben keine Deckungsgleichheit sehen und das auch begründen können. Dabei wird in erster Linie geäußert, dass es sich schließlich um des bösesten Menschen seit Adolf Hitler gehandelt habe und dass jeder, der überhaupt die Aktion der Tötung in Zweifel zöge, ein ewiger „typisch deutscher“ moralischer Meckerer, „antiamerikanisch“  und nicht so richtig zurechnungsfähig sei.
Diese Haltung ist für Ideologen nicht so untypisch, denn es ist schwierig, auf Basis einer vermeintlich eigenen moralischen Position zu argumentieren, dass diese Position hin und wieder verlassen werden muss, um Taten zu rechtfertigen. Ich erinnerte mich in diesen Tagen an ein Lied, welches den Bombenanschlag der ETA auf den spanischen Staatschef Carrero Blanco heroisierte und dessen Text bei mir als kleiner Junge eher Erschrecken auslöste, weil die Gewalt der Waffen gepriesen wurde, was dem Wertesystem meiner Erziehung völlig widersprach.

(es folgt hier nicht das Lied – wer weiß, um welches Lied es sich handelt, möge das bitte als Kommentar schreiben)

In den 1980er Jahren wurde Geld gesammelt, mit dem Waffen für die FMLN in El Salvador gekauft werden sollte. Aber dies wurde in Veranstaltungen auch heftig diskutiert, gerade, weil dies mit dem Motto der Friedensbewegung – „Frieden schaffen – ohne Waffen“ – kollidierte.

In Kriegen wird die Moral zur Rechtfertigung der eigenen Handlungen gern als Ziel definiert, welchem die Mittel unterzuordnen seien, so dass die Mittel der eigenen Moral zwar widersprechen, aber eben in ihrer Gesamtheit geeignet seien, das Ziel zu erreichen. Menschenrechte verlieren im Krieg somit immer.

Ihre Verletzung wird als kleine Regelwidrigkeit betrachtet, so wie im Fußball ein Foul an der Strafraumgrenze.

Damit sind wir wieder beim Fußball.
Führt so ein Foul dazu, dass die eigene Mannschaft gewinnt, so hat es dem Zweck gedient, auch wenn es nicht den moralischen Vorstellungen entspricht. Führt der Gegner das Foul aus, so ist es selbstverständlich moralisch verwerflich.

Bin Laden hat im übertragenen Sinne in den 1980er Jahren in der amerikanischen Nationalmannschaft gespielt, als es gegen die Sowjetunion ging. Er ist zum Feind gewechselt.

Jens Lehmann spielte zehn Jahre lang bei Schalke 04, bevor er nach einem kurzen Intermezzo in Mailand zum Erzfeind Borussia Dortmund wechselte.

So gesehen ist vielleicht Krieg nur die Fortsetzung des Fußballs – mit anderen Mitteln.

Damit ist die Frage noch nicht beantwortet, ob man sich nun über den Tod eines Menschen freuen darf:

Rechtlich gesehen dürfte es dagegen keine Einwände geben, moralisch lässt sich diese Frage meiner Ansicht nach ohnehin erst einmal mit „ja“ beantworten. Immerhin sprechen Religionen von „Erlösung“, und wenn die Person an unheilbaren Schmerzen litt, ist dies für die meisten Menschen auch einsichtig. Alles andere hängt sicherlich mit der individuellen Einstellung zusammen.
Dem Satz: „Ich freue mich, dass Bin Laden tot ist“, hätte ich persönlich jedenfalls nichts entgegen zu setzen. Er sagt aber auch nichts über die – juristische und moralische – Rechtfertigung seiner Tötung aus, die ich für sehr zweifelhaft halte.

Wird als Argument jedoch angebracht, man müsse dem Feind sozusagen auf Augenhöhe begegnen und eben genauso töten dürfen wie er, dann gibt es zumindest keine moralische Überlegenheit mehr, mit der das eigene Handeln gegenüber dem Feind gerechtfertigt und das feindliche Handeln delegitimiert werden könnte. Die Frage, ob man sich auf die Seite der Taliban oder die Seite der USA schlagen müsste, wäre so relevant wie die Frage, ob man für Schalke oder für den BVB sei.

Es gibt dann auch die Möglichkeit, gegen beide zu sein, und zu Tennis Borussia ins Mommsenstadion zu gehen – oder die Mannschaft auswärts zu unterstützen. Denn im Falle eines Erfolgs dürfte das Lied erklingen:

Danke, für diesen schönen Spieltag

Danke, für diesen Auswärtssieg

Danke, dass wir zum Fußball fahren

Und nicht in den Krieg

Gefühl und Hertie

März 31, 2011

Gefühl heißt Gefühl, weil man es fühlen kann. Könnte man Gefühle sprachlich ausdrücken, so würden sie Gespräche heißen.

Nun können Gespräche Gefühle auslösen, und man kann etwas sagen, weil man etwas fühlt. Es gibt also durchaus eine Wechselwirkung.

Diese Wechselwirkung gibt es auch in anderen Bereichen. Auch Musik lässt sich nicht in Sprache ausdrücken, ein Bild auch nicht.

Dadurch entsteht – so meine These – überhaupt erst der Wert eines Bildes oder eines Musikstücks. Denn alles, was in Sprache ausgedrückt werden kann ist Information. Musik kann Sprache unterstützen, ein Bild kann einen Vorgang verdeutlichen. Aber der eigentliche Wert, den ein Bild oder ein Musikstück hat, ist ja gerade das, wofür die Worte fehlen, denn ansonsten wären ja Worte besser geeignet als das Werk.

Ein Bild, welches Sprache ersetzt, hat, sofern es Sprache vollständig ersetzt, also keinen eigenen Wert, der über den Informationsgehalt hinaus geht.

Nun gibt es fast in allen Bereichen Überschneidungen, somit erscheint es sicherlich einigen überflüssig, diese Trennung zu betonen.

Ich halte es aber gerade für hilfreich und notwendig, sich dieser Trennung bewusst zu sein, gerade wenn man diskursive Kommunikation betrachtet. Es gibt die verschiedenen Sender-Empfänger-Modelle in den unterschiedlichen Kommunikationstheorien. Ich möchte darauf nicht weiter eingehen.

Worum es mir geht, ist die prinzipielle Betrachtungsweise des Menschen, die in verschiedenen Diskussionen deutlich wird:

Wird jeder einzelne Mensch als ein individuelles Wesen oder wie eine Maschine betrachtet?

Auch hierzu gibt es jede Menge Literatur, es gibt Theorien, es zeigt sich, dass die jeweilige Denkweise situativ hilfreich sein kann.

Bricht sich ein Mensch ein Bein oder versagt das Hüftgelenk, so ist es sicherlich ratsam, standardisiert zu helfen und eine Beinschiene oder ein künstliches Hüftgelenk aus dem Ärmel zu ziehen.

Es geht darum, dass der menschliche Körper wieder in seine Funktion kommt.

Gleichzeitig wird auch hier schon individuell eingegriffen. Beim Hüftgelenk wird die Maschine Mensch immerhin schon als Einzelstück zu betrachten sein.

Die Heilung wird aber nicht nur vom Hüftgelenk abhängen, sondern hat mit dem Menschen insgesamt zu tun. Deutlicher wird es noch, wenn ein Mensch kein Hüftgelenk, sondern eine Niere braucht und der Arzt vorher nicht sagen kann, ob der gesamte Organismus überhaupt diese Niere annimmt.

Nun hat sich in vielen Jahrzehnten die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nicht nur eine körperliche, sondern auch ein geistig-seelisches Wohlergehen gibt.

Und hier wird es viel kritischer.

Es stellt sich nämlich zunächst die Frage, ob ein Mensch tatsächlich „krank“ ist und wieder „gesund“ gemacht werden muss. Diese Frage ist sehr wichtig, denn die Frage, warum man jemanden als seelisch krank oder gesund definieren möchte, hat sehr viel mit Weltanschauungen zu tun. Es hat damit zu tun, welcher Psychologe gerade als Referenz aus dem Regal gezogen wird, um eine Krankheit zu diagnostizieren. Es hat mit dem System zu tun, was gerade als „normal“ und was als „verrückt“ gilt. Der Stalinismus mag das prägnanteste Beispiel zu sein, wie die Erklärung der psychischen Störung darauf zielen kann, ein gleichförmiges System zu halten.

Sozialwissenschaften ist diese ideologische Note immanent. Es gibt keine Wirtschaftswissenschaft, keine Psychologie, keine Soziologie, die nicht im Kern ideologisch geprägt ist.

Wenn man versucht, der Quantenphysik zu folgen, dann heißt es plötzlich, dass auch hier ein wissenschaftliches Ergebnis vom Beobachter abhängig ist, womit sich – so gewisse Theorien – auch die Idee einer wertfreien Naturwissenschaft nicht aufrecht erhalten lässt.

Damit lässt sich ein Experiment also nicht einfach in gleicher Form immer wiederholen.

Die Mathematik hat dafür die Wahrscheinlichkeitsrechnung erfunden. Damit gibt es keine Gewissheit mehr, dass ein Experiment zu einem Ergebnis führt, es lässt sich aber voraussagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses ist.

Will man Sozialwissenschaften so wertfrei wie möglich halten, so wäre zuerst die Statistik als Wissenschaft zum Kern zu machen. Nun hängen auch statistische Ergebnisse von Fragestellungen ab, aber sie ist weniger anfällig für Ideologien als die meisten anderen Bestandteile der Sozialwissenschaften. Gerade, wenn soziale Krankheiten als solche definiert und Menschen daher zu Betroffenen werden, wird die Definition des „Normalen“ zum Ausgangspunkt der Krankheitsbestimmung.

Andererseits gilt die Statistik als eine „harte“ Wissenschaft. Gerade die vermeintliche Objektivität der Statistik verhilft einer Bestimmung oder einer Argumentation eher zur Durchsetzung als eine von Emotionen hergeleiteten Reaktion oder einer erkennbar ideologischen Aussage.

Emotionen zu zeigen ist in Diskussionen nicht gern gesehen, insgesamt ist es in der Öffentlichkeit zumindest westlicher Gesellschaften nicht üblich, sich sonderlich emotional zu zeigen. Ausnahmen sind Popkonzerte, Karneval, Silvesterparties, Discotheken oder Fußballstadien. So werden Emotionsausbrüche kanalisiert und gehen mit gesellschaftlicher Akzeptanz konform. Argumentieren aber darf man so nicht.

Es gilt für mich als schlüssig, dass dies eine Folge des Cartesianismus darstellt.

Der Philosoph René Descartes prägte den Satz: „Ich denke, also bin ich.“

Die Ratio bestimmt also unser Sein. Nicht die Gefühle, die wir haben, sind für Descartes ausschlaggebend für unsere Existenz, sondern die Fähigkeit, sich Gedanken zu machen.

Ein anderes Zitat hat Francis Piscabia berühmt gemacht:

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es tatsächlich nur die Richtung ist, die das Denken wechseln kann. Gerade wenn ich heute bestimmte Zeitgenossen reden höre, die diametral zu ihrer früheren Meinung argumentieren und dabei lediglich die Seiten gewechselt haben, dann habe ich den Eindruck, dass sie tatsächlich beim Denken nur die Richtung gewechselt haben, so, wie man auf einer Straße eben wendet, wobei sich die Fahrweise und das Auto nicht ändern. Wer nur die Richtung ändert und sein Denken nicht in den Austausch anderer Wahrnehmungen, anderer Sinne bringt, wird vielleicht woanders ankommen, dabei aber keine neuen Wege genutzt haben. Wenn wir den wohl aus dem Buddhismus entliehenen Satz „Der Weg ist das Ziel.“ dagegen halten, so wird man keine Bereicherung feststellen können, wenn der Weg doch der gleiche bleibt und das Denken nicht bereichert wird.

Ich bin jetzt etwas abgewichen, denn es ging mir in erster Linie um die Frage der Gesundheit bzw. der Kategorisierung von Krankheiten. Dabei geht es mir weniger um die körperlich eindeutigen, objektivierbaren Verletzungen wie Knochenbrüchen oder auch Organversagen, auch wenn gerade im zweiten Falle schon wieder eine unterschiedliche Methodik eine Rolle spielt, und die Frage, ob man Krebs mit den Mittelchen von Dr. Rath oder mit chemischen Bomben bekämpft, ist ja auch nicht ganz unwichtig.

Es geht mir eher darum, ab wann von psychischen Störungen gesprochen wird, denn hier setzt die  vorhin formulierte Weltanschauung ein. Hätte man vor 50 Jahren einen Lehrer, der die Kinder bei Ungehorsam verprügelt, für einen ganz normalen Lehrer gehalten, so würde der gleiche Lehrer heute als psychisch gestört in „die Geschlossene“ eingewiesen werden.

Andererseits galten Homosexuelle in dieser Zeit als „krank“, während heute ihre Diskriminierung als illegitim angesehen wird.

Die Frage, was „krank“ und was „gesund“ ist, hängt also vom gesellschaftlichen Kontext ab.

Damit aber scheidet eine Kategorisierung als wissenschaftliche Basis für mich aus, genauso, wie ich die „Wirtschaftswissenschaft“ nur schwerlich als Wissenschaft ansehen kann.

Die Frage, wie nun vermeintliche psychische „Störungen“ bekämpft werden sollen, steht wiederum in einem gesellschaftlich-ideologischen Kontext. In Gesellschaften, in denen „Psyche“ unbekannt ist oder gleichgesetzt wird mit Egoismus, kann die Vorstellung vorherrschen, ein böser Geist sei in einen Körper gefahren und müsse wieder ausgetrieben werden.

Das halten aufgeklärte, rationale und auf den Ideen Descartes beruhende Gesellschaften natürlich für Mumpitz und klauen dem Medizinmann höchstens die Tinktur, um sie in einem Labor in die genetischen Bestandteile zu zerlegen und nach einer objektiven Analyse ein Patent anzumelden.

Hier wird für gewöhnlich eine Spritze gezogen, und der Patient bekommt das in Versuchen mit Probanden oder Ratten objektiv als geeignet bestimmte Medikament intraveniert.

Wer der systematischen Vergiftung seines Körpers eher kritisch gegenüber steht, wird anfangs wohl eher auf „irrationale“ Methoden zurück greifen.

Interessant ist aber nun, dass auch diese Methoden Wirkung zeigen. Das mag nun rein rational eingestellte Menschen dazu bringen, jemanden als „eingebildeten Kranken“ zu bezeichnen.

Aber wenn die Wirkung messbar – also rational nachvollziehbar – wird, dann lassen sich so einige Argumente nicht aufrecht erhalten.

Es gibt also ein Zusammenspiel zwischen Verstand und Gefühl, auch wenn beides voneinander getrennt betrachtet werden kann. Im Umfeld dieser Idee hat sich der Terminus „Ganzheitlichkeit“ durchgesetzt, denn dieses Zusammenspiel ist heute in fast allen Bereichen des Lebens und Zusammenlebens die ideologische Grundlage geworden.

Berufsbilder sollen „ganzheitlich“ gestaltet werden, weil das Unternehmen nicht nur den die Maschine ersetzenden Arbeiter, sondern den „ganzen Menschen“ sucht, weil Stellenbeschreibungen tendenziell immer weniger beschreiben können, wer überhaupt gesucht wird, weil „soziale Kompetenz“ zwar schon irgendwie beschrieben werden kann, aber eben schlecht über klassische Personalauswahlmethoden erkennbar wird.

Damit haben sich Wirtschaftsunternehmen schon dauerhaft verändert.

Damit hat sich auch die Gesellschaft schon verändert.

Gleichzeitig – oder vielleicht auch genau deshalb, so zumindest meine These – ist ein gewisses Spannungsfeld entstanden:

Descartes lebte vor ca. 350 Jahren. Der Anfang dieser Entwicklung liegt meiner Ansicht nach etwas früher. Es gibt ja in der Religion abgrenzbar jeweils Entwicklungen, die sich als Sprünge nach ca. 500 Jahren zeigen. Auch wenn die Aufklärung nicht mit Luthers Übersetzung der Bibel begann, so deute ich die wörtliche Übersetzung von „Gottes Worten“ als Wendepunkt hin zur Betonung der Ratio. Was schwarz auf weiß nachlesbar ist, hat einen Anspruch auf Wahrheit, den ein „Gefühl“ nicht haben kann. Diskussionen werden disqualifiziert, weil sie „emotional aufgeladen“ geführt werden.

Damit verbunden war die Abwertung dessen, was sich rational nicht beschreiben lässt.

Das hat – meine These wie gesagt – dazu geführt, dass Religion – vor allem die christlich-protestantische – entmystifiziert und abgewertet wurde.

Luther hat der Religion ihren Kern genommen.

Damit einher ging die Abwertung der Religionen und ein teilweise Ersatz durch Ideologien, die sich wiederum rational nachvollziehen ließen.

Dies hat vor allem in der „westlichen“ Welt stattgefunden, und die „westliche“ Welt hat dieses Modell weiter gegeben.

Die Entwicklung lässt sich nachvollziehen bis etwa zum Ende des zweiten Weltkriegs. Vielleicht ist das der Punkt gewesen, an dem deutlich wurde, wohin ein reiner, gefühlloser Rationalismus führen kann. Auch wenn es nach dem zweiten Weltkrieg weitere schlimme Auseinandersetzungen gab, so gibt es seitdem eine Gegenbewegung, auch wenn es noch nicht erkennbar ist, ob daraus wieder wie vor ca. 500 Jahren mit Martin Luther, vor ca. 1000 Jahren beim Kirchenschisma, vor ca. 1500 Jahren mit dem Islam oder vor ca. 2000 Jahren mit dem Christentum eine neue Religion entstanden ist.

Dann entstand die „Hippie“-Ära. Auch wenn hier die 60er Jahre angesetzt werden, so ist deutlich, dass die Grundlagen dafür schon Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden und sich vor allem in den 50er Jahren in Europa durchgesetzt haben.

Popmusik als neues verbindendes Element verschiedener Kulturen auf einer nicht mehr rationalen Ebene dürfte dabei die wichtigste Rolle gespielt haben.

Spätestens in den 1980er Jahren kamen dann durch den Erfolg der japanischen Automobilindustrie in Europa auch die dortigen religiösen Vorstellungen im Management Deutscher Firmen an. Wenn ich Bücher von Gerd Gerken glauben darf, dann bildete vor allem das Buch „Wendezeit“ von Frithjof Capra – er als Physiker ein Vertreter einer „harten“ Wissenschaft – eine Grundlage für den einsetzenden Paradigmenwechsel.

Der Buddhismus als Modeerscheinung aber auch Veränderungsmoment ist ein wenig in den Hintergrund gerückt. Die heutige Auseinandersetzung findet eher mit dem Islam als Weltreligion statt, jedoch gibt es weiterhin den Konflikt. Meiner These nach setzt sich hier der Konflikt zwischen der antireligiösen und antimystischen Idee der Rationalität gegen die emotionale, spirituelle nicht rational erklärbare Welt der Religionen fort.

Es ist mit Sicherheit schwieriger, hier mit „Ganzheitlichkeit“ eine Konfliktlösung zu erreichen, weil eine monotheistische Religion wie der Islam deutlich totalitärere Ansprüche hat als der Buddhismus. Allerdings erscheint der Konflikt zwischen den totalitär rationalen und den totalitär religiös argumentierenden Protagonisten wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert, der eigentlich auf einem guten Wege der Entschärfung war und eben in der „Ganzheitlichkeit“ eine Symbiose fand.

Nun wird wieder neu gekämpft, was in den politischen Ideologien sicherlich damit zu tun hat, dass der Zusammenbruch der staatssozialistisch agierenden Systeme ein Vakuum für die ehemaligen kalten Krieger mit sich brachte.

Die im Dualismus der Systeme Gefangenen suchten neue Gegner.

Und mit dem Islam stellt sich ein Gegner zur Verfügung, der den aus dem Sozialismus bekannten Kollektivismus und die Totalität mit dem antiaufklärerischen Charakter einer Religion verbindet. Gleichzeitig hat er sich selbst zum Feind des Westens gemacht.

Gibt es einen Ausweg aus dem Kalten Krieg 2.0, der in Deutschland ja in erster Linie feuilletonistisch geprägt ist?

Da es wie schon erwähnt an die Fortsetzung der Diskussionen des letzten Jahrhunderts erinnert, gibt es vielleicht doch eine Möglichkeit zumindest für diejenigen, die diesen Kalten Krieg nicht führen wollen:

Die „Aufgeklärten“ mögen sich an die Quantenphysik erinnern, die einen Sprung in der Wissenschaft darstellte und erkennen, dass selbst die „harten“ Wissenschaften nicht mehr einfache Voraussagemuster in der Welt objektiver Experimente liefern.

„Wer von der Quantenphysik nicht schockiert ist, der hat sie nicht verstanden“, so Niels Bohr.

Auf der anderen Seite sieht es meiner Ansicht nach viel schwieriger aus:

Auch wenn es manchmal anmutet, als wollten zumindest in unserer Gesellschaft Vertreter christlicher Religionen einen Versuch zum Synkretismus vornehmen, in den sie den Islam integrieren, so bekämpft der Islam gleichzeitig sich selbst von innen durch die verschiedenen Strömungen. Eventuell ist das aber auch nur ein Trugbild von mir.

Jedoch scheinen die mystischen Elemente – zum Beispiel die Sufis – dort bekämpft zu werden. Es wäre also für einen Muslimen notwendig, sich innerhalb des Islam entscheiden zu können und sich für einen Weg zu entscheiden, der die Aspekte eines friedvollen Miteinanders betont.

Für die kalten Krieger bleibt dann immer noch genug Raum, sich gegenseitig zu bekriegen.

…nur die Orte sind verschieden

März 12, 2011

1986:

Wenn der Himmel brennt

März 9, 2011

Ich habe die Überschrift des letzten Artikels auch nur geklaut (oder sagt man jetzt: gezuguttenbergt?):

 

(meine Präferenz liegt trotzdem in der Weltmusik)

Nichts hat sich geändert, nur die Namen sind verschieden

März 9, 2011

Es gab keine großen Entwicklungen in den letzten sechs Jahren:

Culcha Candela singt „Relax“, Florida-Rolf heißt heute Arno Dübel.

Die Ideologie des totalen Wachstums hat zwar durch die Finanz- und Wirtschaftskrise einen Knick bekommen, sie wird aber weiterhin als „Weltreligion“ (Meinhard Miegel) gepriesen. Im Zweifelsfalle hatte man die Menschen vor kurzem noch dafür bezahlt, dass sie ihre völlig intakten Autos zum Schrotthändler bringen, um sie da zerstören zu lassen. Die Bedingung war lediglich, sich eine neue Karre zuzulegen, um somit die Automobilindustrie am Leben zu halten.

Hin und wieder bombardiert man auch fremde Länder, um somit einen Absatzmarkt generieren zu können, was aber so niemand gerne zugibt.

Wachstum zu simuliern geht aber auch viel einfacher:

Ich hatte vor etwa einem halben Jahr über ein Internetportal das Angebot erhalten, bei einem großen Konzern den „second level support“ vorzunehmen. Nun war mir der angebotene Stundensatz zu niedrig, darauf will ich aber nicht hinaus. Es waren nämlich viele Beteiligte an diesem Auftrag. An letzter Stufe war ich geplant, um die Arbeit auszuführen, darüber stand ein externes Unternehmen, welches die Dienstleistung mit dem IT-Profitcenter des Konzerns abrechnete. Dieses wiederum stellt eine Rechnung an den Hauptkonzern.

Nun kann man sich überlegen, dass unten nur ein Drittel des Geldes ankommt, was der Konzern bezahlt, der Konzern könnte es also billiger haben. Aber auch darauf will ich nicht hinaus. Nehmen wir nur einmal folgendes an:

Der Konzern zahlt je Stunde 150€, der Dienstleister behält 50 € für sich, das externe Unternehmen behält 50 € für sich und am Ende bleiben von den 150€ noch 50€ für denjenigen, der die Arbeitsleistung erbringt.

Würde nun der Konzern jedem der Beteiligten 50€ in die Hand drücken, so tauchten insgesamt 150€ in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als im Inland erbrachte Dienstleistungen auf. Dies könnte man schon für recht hoch halten, da ja nur für 50€ Leistung erbracht wurde, aber es geht ja noch weiter:

Denn natürlich zahlt der Konzern die 150€ als eine Summe an den Dienstleister, dieser zahlt eine Rechnung von 100€, die ihm das externe Unternehmen stellt, und dieses externe Unternehmen erhält wiederum eine Rechnung über 50€ vom freelancer, der sich in das Callcenter setzen darf.

In der VGR taucht also in diesem Beispiel die Summe aus 150€ + 100€ + 50€ = 300€ auf. Wäre noch ein vierter Dienstleister dazwischen, der auch noch mitverdienen wollte, dann würde sich der Betrag wiederum erhöhen, also zum Beispiel 150€ + 120€ + 100 € + 50€ = 420€ für eine Arbeitsstunde, bei der oben 150€ bezahlt wird, von denen 50€ unten ankommen.

Um Wachstum zu simulieren ist es also nicht einmal notwendig, Bagdad zu bombardieren oder Autofahrer für die Zerstörung ihres liebsten Kindes zu bezahlen, man muss einfach nur die Menschen animiren, bei der Leistungserstellung möglichst viele Unternehmen ins Boot zu holen. So wird also die Leiharbeitsbranche zu einem Wachstumsbringer, allein schon, weil ein weiters Unternehmen in eine virtuelle Wertschöfungskette eingebunden wird.

Ich habe übrigens eine Idee, wie man so die Arbeitslosigkeit vollständig beseitigen und gleichzeitig das Wachstum enorm ankurbeln könnte:

Jeder Mensch sollte gezwungen oder animiert werden, eine Kapitalgesellschaft zu gründen. Unternehmen dürfen keine Mitarbeiter mehr beschäftigen, sondern dürfen nur mit diesen Kapitalgesellschaften Leistungsverträge abschließen. Wenn jemand kein Unternehmen findet, welches mit seiner Kapitalgesellschaft einen Vertrag schließen will, springt der Staat ein. Mit der Kapitalgesellschaft als juristische Person schließt der Mensch einen Vertrag über seinen Lohn. Er schließt also einen Vertrag mit sich selbst, wie es in kleinen Kapitalgesellschaften üblich ist (fragt mich jetzt bitte nicht nach dem Paragrafen, der im Gesellschaftsvertrag erwähnt sein muss, um diese Ausnahmegenehmigung zuzulassen).

Erstens gäbe es somit keine Arbeitslosen mehr, sondern nur unterbeschäftigte Geschäftsführer, zweitens würde der Lohn einmal durch Auszahlung des Unternehmens an die Kapitalgesellschaft und zum zweiten bei der Auszahlung der Kapitalgesellschaft an den Geschäftsführer in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftauchen.

Damit man kontinuierliches Wirtschaftswachstum über Jahre hinweg garantieren könnte, müssten in der nächsten Periode (also im nächsten Jahr) dann einige Personen eine weitere Gesellschaft gründen, die dann wiederum mit der im Vorjahr gegründeten Gesellschaft Verträge schließen müsste. Die Zahl müsste sich am gewünschten prozentualen Wachstum orientieren. Eventuell könnte man auch Personen zwingen, eine Gesellschaft im Ausland zu gründen, damit auch die Außenhandelsbilanz höhere Zahlen ausweisen würde. Da Wachstum exponential sein muss, müssen natürlich jedes Jahr mehr Gesellschaften hinzukommen als im Jahr davor. Irgendwann ist man natürlich nur noch damit beschäftigt, neue Gesellschaften zu gründen, aber wenn man bedenkt, dass die Alternative dazu die Zerstörung des eigenen Autos oder fremder Städte in zeitlich immer kürzeren Abständen ist, um den Gott des Witschaftswachtstums die Opfer zu erbringen, dann hat dieser Vorschlag doch einen gewissen Charme, oder sieht das jemand anders?

Vor sechs Jahren schrieb ich folgendes:

März 5, 2011

Es scheint eine gewisse Sehnsucht in Deutschland zu einer inneren Entspannung vorhanden zu sein, die sich nicht nur in stabilen Verhältnissen manifestiert. Warum sind wohl die Ohrbooten oder SEED auf dem Vormarsch in der Musikszene?
Nun halte ich nicht viel davon, „Deutschland“ zu betrachten, aber mir kommen doch drei Texte in den Sinn, die etwas typisches ausdrücken:

Die letzte Strophe der „Internationalen“ geht ja folgendermaßen:

„In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei´n.
Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt wird unser sein;
unser Blut sei nicht mehr der Raben und der nächt´gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben, dan scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlaß“

Der Müßiggänger als Feind der Arbeiterklasse ist kein originär sozialistisches Phänomen. Wir erinnern uns an „Florida-Rolf“ und die Hysterie, dass „Sozialschmarotzer“ auf unsere Kosten sich einen schönen Lebensabend gestalten.

Dabei ist die Sehnsucht des Müßggangs doch älter als die „Internationale“ und manifestiert sich zum Beispiel in:

„Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ist´s gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen.“

Josef von Eichendorff hat 1826 den „Taugenichts“ veröffentlicht, und die Sehnsucht der Romantik scheint in einer Zeit, in der die Arbeitsgesellschaft ihren Niedergang einleitet, zu einem Konzept werden zu können.

Ich habe immer gern eine Seite aus dem Netz hervorgehoben, die Christian Graf von Krockow zitiert. Gestern habe ich mir das Buch dann aus der AGB geliehen. Ich zitiere heute noch einmal die Passagen, die der von mir sehr hoch geschätzte Detlef Malchow auf http://www.oderland.de veröffentlicht hat, weil der Rest des Buches noch ungelesen in meiner Wohnung liegt:

Auszüge aus: „Der deutsche Niedergang“, C. Graf von Krockow, dtv
Arbeitszeit = 7% der Lebenszeit (S. 70)

„Aber diese Verhältnisse liegen nun weit zurück; wir können sie uns kaum noch vorstellen. Im Ablauf von anderthalb Jahrhunderten haben sich dramatische Veränderungen vollzogen. Man hat errechnet, dass im Jahre 1850 von den 5840 „wachen“ Stunden des Jahres – also ohne die Zeit zum Schlafen – 3920 Stunden mit Arbeit verbracht wurden, während 1920 Stunden für alles übrige ausreiche mussten. Heute sind etwa 1600 Arbeitsstunden geblieben, denen 4240 „freie“ Stunden gegenüberstehen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebensarbeitszeit geschrumpft; sie beginnt später und endet früher. 1895 betrug sie 48,1970 39 Jahre. Nimmt man die gestiegene Lebenserwartung hinzu, so ergibt sich, dass der Zeitanteil der Berufsarbeit an der menschlichen Existenz auf weniger als ein Drittel dessen zurückgegangen ist, was er im vorigen Jahrhundert einmal ausmachte. Grob und eher großzügig geschätzt füllt der Anteil der Lebensarbeitszeit gerade noch sieben Prozent der Lebenserwartung. Und warum dann im21. Jahrhundert nicht fünf, vier, drei Prozent? Bei alledem ist von Arbeitslosigkeit – und womöglich langfristiger – noch gar nicht die Rede.“

Arbeit schafft die Arbeit ab (S. 73)

„Viele Einzelheiten ließen sich nachtragen, aber das Gesamtbild dürfte deutlich sein: Viereinhalb Jahrhunderte nach Beginn der großen protestantischen Kulturrevolution nähert sich die Arbeitsgesellschaft mit schnellen Schritten ihrem paradoxen Triumph. Sie schafft die Arbeit ab dank der Disziplin und der Leistungsbereitschaft, dem Wagemut und dem Einfallsreichtum, den sie entwickelt und über ungefähr fünfzehn Generationen – einer weltgeschichtlich nur kurzen Spanne – den Menschen als die bestimmenden Tugenden, als Ethos eingeprägt hat. Sie verwirklicht damit, wovon unsere Ahnen und Uhrgroßeltern, obwohl heimlich, angesichts der Lasten, die ihnen zugemutet wurden, immer geträumt haben.“

Globalisierung

Anmerkungen zur Globalisierung und Wiedervereinigung (S. 77, 79)

„Wann immer heute von der Krise der Gegenwart die Rede ist, fällt früher oder später das Stichwort „Globalisierung“. Und wenn man der aufgeregten Tagesdiskussion folgt, handelt es sich um etwas grundlegend Neues. Was aber gemeint ist, kann man in einer alten Schrift aus dem Jahre 1848 lesen. Sie heißt „Das kommunistische Manifest“, und die Autoren sind Karl Marx und Friedrich Engels. Sie schreiben:
„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung ihrer Produktionsinstrumente, durch die unterschiedlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen…

Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, die nicht mehr einheimiche Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verarbeitet werden… Und wie in der materiellen, so in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich.“

Neu ist eigentlich nur dies: Die fernen Nationen, zum Beispiel in Ostasien, deren Mauern die europäisch – amerikanische Welteroberung einst zusammenschoss, haben sich inzwischen selbst mit der schweren und wirkungsvollen Artillerie preiswerter Ergebnisse versehen und schießen zurück. Um den Sachverhalt an einem Beispiel anschaulich zu machen: Seit der Erfindung des mechanischen Webstuhls hat die britische Industrie das uralte Textilhandwerk in Indien ruiniert. Kaum zufällig war darum die symbolträchtige Rückkehr zum Ursprung, zum Spinnrad, im Kampf um die indische Unabhängigkeit ein Wahrzeichen Mahatma Gandhis. Doch jetzt ist unter dem Druck weltweiter, nicht zuletzt asiatischer Billigproduktion ein Großteil der europäischen Textilindustrie zur Kapitulation gezwungen worden, und längst geht es um mehr als bloß um solche Massenware. Eine wachsende Zahl deutscher Unternehmen lässt einen wachsenden Anteil ihrer Computer-Software in Indien herstellen.

Man kann Globalisierung als einen Wettlauf um die Zukunft beschreiben, bei dem immer Athleten die Arena betreten und sich als konkurrenzfähig erweisen. Dabei laufen sie immer schneller, immer neuen Rekorden entgegen. Ohne Bild ausgedrückt: Früher mochte eine Firma ihr erfolgreiches Produkt mit geringen Änderungen für Jahrzehnte anbieten; heute verkünden die Schrittmacher des Fortschrittes mit Stolz, dass es die Hälfte ihrer Erzeugnisse vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Wer dann in diesem Wettlauf stehen bleibt, um Atem zu schöpfen, wer sich auf die Punkte, Organisationsformen und Sozialstrukturen verlässt, mit denen er gestern noch erfolgreich war, der befindet sich bereits auf der abschüssigen Straße, an deren Ende so geduldig wie unerbittlich der Konkursrichter beziehungsweise der nationale Niedergang wartet…
Alles in allem: Ihrem Prinzip nach ist die Globalisierung wirklich nicht neu. Wenn wir ein Schreckensbild entdecken und düster die Folgen ausmalen, dann heißt das offensichtlich nur, dass wir von ihrer Siegerseite (auf der wir uns zum Beispiel am Jahrhundertanfang im Verhältnis zu Großbritannien befanden) auf die Verliererstraße hinübergeraten sind.“

Wer über den Rand schreibt, bricht auch die Gesetze…

Juli 29, 2008

Noch zwei Tage bis zum Monatsende und der erste Eintrag auf diesem blog.

Freut Euch auf – oder ärgert Euch über – Berichte von wunderbaren Konzerten, politischen Katastrophen, seltsamen Aktionen, Sichtweisen, die ein wenig anders liegen dürften als die ideologisch festgezurrten Meinungen von „links“, „rechts“ und „mitte“ und auf viele lange Sätze mit Nebensätzen und Unterbrechungen, die mit Sicherheit mit einem lateinischen Fachbegriff bezeichnet werden könnten, würde er schon Unterschlupf in meinem Wortschatz gefunden haben.