Fußball und Rache

Wenn ich es richtig im Kopf habe, wurden mir im Leben schon 5 Autoradios entwendet.

Jedes Mal, wenn ich zum Auto kam und den Schaden sah, entstanden bei mir Rachegedanken übelster Art, was in erster Linie daran liegt, dass die gewöhnlichen Kaskoversicherungen eine Selbstbeteiligung beinhalten, die über dem Wert des Radios liegt. Ich hätte so einem Dieb gern die Zähne ausgeschlagen, in einen heißen Topf Teer getunkt oder in einen Raum gesperrt und ihn mit Traktaten von Henryk M. Broder oder Witzen von Mario Barth gefoltert.

Dass ich die Möglichkeit nie hatte, lag darin, dass sich keiner der Diebe erwischen ließ.

Mit der Zeit vergeht ein solches Gefühl, und die Position der eigenen Überzeugung, geprägt aus Erfahrungen und Erziehung und aus vielem mehr setzt sich durch. Nennen wir das als Kollektivverhalten einmal Zivilisation. Die eigenen Gefühle und Rachegedanken treten zurück, und die Überzeugung, dass ein Menschenleben vielleicht doch mehr Wert sein könnte als ein Autoradio – vor allem wenn es sich noch im Schadensmaß der Selbstbeteiligung befindet – setzt sich durch.

Da ich Mitglied und Fan des Fünftligavereins Tennis Borussia Berlin bin, erlebe ich das Gefühl der Verärgerung und der Wut recht häufig. Dem jubelnden Trainer der gegnerischen Mannschaft wünsche ich, dass er den Ball mal voll in die Fresse kriegt, dem Schieri mindestens die Pest an den Hals.

Nun ist Tennis Borussia kein ganz gewöhnlicher Verein. Würde ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, so erfolgte die verbale Maßregelung auf der Stelle – von den eigenen Fans.
Das kann manchmal in endlose Diskussionen führen, wofür ich den Verein und seine Fans aber insgeheim liebe. Das ist mir deutlich lieber als das gewöhnliche Bild des Fußballfans, der andere Menschen hasst oder verprügelt, weil sie das Emblem des verhassten Vereins tragen. Somit sind Fußballfans für mich der Inbegriff des Antizivilsatorischen in der Zivilgesellschaft. Ich weiß, dass dies sehr oberflächlich, zu kurz gegriffen und verallgemeinert formuliert ist, aber ich möchte hier nicht so viel über Fußball schreiben, auch wenn es die Überschrift so suggeriert.

Es geht mir hier in erster Linie über Rache und worüber man sich in einer Zivilgesellschaft nun freuen sollte und worüber nicht.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mann erschossen, und nun wird diskutiert, ob die Freude, die viele Menschen durch die Erschießung dieses Mannes empfinden, einer Zivilgesellschaft angemessen ist oder eher nicht.

Nun lässt sich hier wiederum genauer analysieren:

Das Gefühl der Genugtuung, der Freude über den Tod, der erfüllten Rachegelüste ist eine individuelle Angelegenheit. Wer dieses Gefühl mit seinen eigenen Wertvorstellungen abgleicht, wird eventuell erschrecken, aber es ist ja erst einmal nichts Verwerfliches darin zu erkennen, ein bestimmtes Gefühl zu haben. Die Frage stellt sich eher, welches Handeln nun aus dem Gefühl erfolgt, und dies ist meines Erachtens nach eben das Wesen der Zivilisation.

Heißt es als imperativer Leitspruch mal wieder irgendwo: „Folge Deinen Gefühlen!“, so halte ich das nur dann für richtig, wenn damit gemeint ist, seine Gefühle auch zu hinterfragen und nicht blind das zu tun, was als Handlungsresultat dem akuten Gefühl eigentlich folgen müsste. Es liegt auch im eigenen Interesse, einem Dieb die Hand nicht abzuhacken, im gesellschaftlichen Kontext wird das ohnehin Konsens sein.

Es stellt sich nun also eine andere Frage:
Darf man seiner Freude über den Tod eines Menschen öffentlich Ausdruck verleihen, oder ist das ein Akt, der einer Zivilgesellschaft nicht würdig ist?

Nun verstößt die gezielte Tötung eines Menschen fast immer gegen die moralischen Grundsätze zumindest unserer Gesellschaft, in der ja die Todesstrafe abgeschafft wurde. Es gibt hin und wieder einige Menschen, die die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordern und sich damit jenseits der Vorstellungen des Grundgesetzes und damit der rechtlich-moralischen Basis der Gesellschaft äußern. Eine Forderung nach einer Bestrafung unterscheidet sich dann allerdings wieder von der Äußerung über die Freude.

Der Mann, um den es geht, heißt natürlich Osama Bin Laden und ist für viele das personifizierte Böse gewesen.

Es stellt sich einerseits also die Frage, ob es in Ordnung ist, seine innere Freude über den Tod kundzutun, andererseits ob es eine Rechtfertigung gab, diesen Mann zu töten.

Unsere Gesetze erlauben den „finalen Rettungsschuss“. Dieser darf allerdings nur in einer unmittelbaren Notwehrsituation abgegeben werden. Bei der Tötung von Bin Laden handelte es sich sicherlich nicht um eine solche Notwehrsituation, die Aktion wäre also wohl kaum mit unserer gesellschaftlichen Moral zu erklären gewesen.

Die Diskrepanz zwischen der eigenen Freude über den Tod eines Menschen und der gesellschaftlich fixierten Moral ist für einige Zeitgenossen nicht so recht einsichtig, daher versuchen sie, beides kompatibel miteinander zu machen und definieren nicht nur die Moral um, sondern empören sich gleichzeitig über andere Menschen, die eben keine Deckungsgleichheit sehen und das auch begründen können. Dabei wird in erster Linie geäußert, dass es sich schließlich um des bösesten Menschen seit Adolf Hitler gehandelt habe und dass jeder, der überhaupt die Aktion der Tötung in Zweifel zöge, ein ewiger „typisch deutscher“ moralischer Meckerer, „antiamerikanisch“  und nicht so richtig zurechnungsfähig sei.
Diese Haltung ist für Ideologen nicht so untypisch, denn es ist schwierig, auf Basis einer vermeintlich eigenen moralischen Position zu argumentieren, dass diese Position hin und wieder verlassen werden muss, um Taten zu rechtfertigen. Ich erinnerte mich in diesen Tagen an ein Lied, welches den Bombenanschlag der ETA auf den spanischen Staatschef Carrero Blanco heroisierte und dessen Text bei mir als kleiner Junge eher Erschrecken auslöste, weil die Gewalt der Waffen gepriesen wurde, was dem Wertesystem meiner Erziehung völlig widersprach.

(es folgt hier nicht das Lied – wer weiß, um welches Lied es sich handelt, möge das bitte als Kommentar schreiben)

In den 1980er Jahren wurde Geld gesammelt, mit dem Waffen für die FMLN in El Salvador gekauft werden sollte. Aber dies wurde in Veranstaltungen auch heftig diskutiert, gerade, weil dies mit dem Motto der Friedensbewegung – „Frieden schaffen – ohne Waffen“ – kollidierte.

In Kriegen wird die Moral zur Rechtfertigung der eigenen Handlungen gern als Ziel definiert, welchem die Mittel unterzuordnen seien, so dass die Mittel der eigenen Moral zwar widersprechen, aber eben in ihrer Gesamtheit geeignet seien, das Ziel zu erreichen. Menschenrechte verlieren im Krieg somit immer.

Ihre Verletzung wird als kleine Regelwidrigkeit betrachtet, so wie im Fußball ein Foul an der Strafraumgrenze.

Damit sind wir wieder beim Fußball.
Führt so ein Foul dazu, dass die eigene Mannschaft gewinnt, so hat es dem Zweck gedient, auch wenn es nicht den moralischen Vorstellungen entspricht. Führt der Gegner das Foul aus, so ist es selbstverständlich moralisch verwerflich.

Bin Laden hat im übertragenen Sinne in den 1980er Jahren in der amerikanischen Nationalmannschaft gespielt, als es gegen die Sowjetunion ging. Er ist zum Feind gewechselt.

Jens Lehmann spielte zehn Jahre lang bei Schalke 04, bevor er nach einem kurzen Intermezzo in Mailand zum Erzfeind Borussia Dortmund wechselte.

So gesehen ist vielleicht Krieg nur die Fortsetzung des Fußballs – mit anderen Mitteln.

Damit ist die Frage noch nicht beantwortet, ob man sich nun über den Tod eines Menschen freuen darf:

Rechtlich gesehen dürfte es dagegen keine Einwände geben, moralisch lässt sich diese Frage meiner Ansicht nach ohnehin erst einmal mit „ja“ beantworten. Immerhin sprechen Religionen von „Erlösung“, und wenn die Person an unheilbaren Schmerzen litt, ist dies für die meisten Menschen auch einsichtig. Alles andere hängt sicherlich mit der individuellen Einstellung zusammen.
Dem Satz: „Ich freue mich, dass Bin Laden tot ist“, hätte ich persönlich jedenfalls nichts entgegen zu setzen. Er sagt aber auch nichts über die – juristische und moralische – Rechtfertigung seiner Tötung aus, die ich für sehr zweifelhaft halte.

Wird als Argument jedoch angebracht, man müsse dem Feind sozusagen auf Augenhöhe begegnen und eben genauso töten dürfen wie er, dann gibt es zumindest keine moralische Überlegenheit mehr, mit der das eigene Handeln gegenüber dem Feind gerechtfertigt und das feindliche Handeln delegitimiert werden könnte. Die Frage, ob man sich auf die Seite der Taliban oder die Seite der USA schlagen müsste, wäre so relevant wie die Frage, ob man für Schalke oder für den BVB sei.

Es gibt dann auch die Möglichkeit, gegen beide zu sein, und zu Tennis Borussia ins Mommsenstadion zu gehen – oder die Mannschaft auswärts zu unterstützen. Denn im Falle eines Erfolgs dürfte das Lied erklingen:

Danke, für diesen schönen Spieltag

Danke, für diesen Auswärtssieg

Danke, dass wir zum Fußball fahren

Und nicht in den Krieg

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Eine Antwort to “Fußball und Rache”

  1. Gulolein Says:

    Ich frage mich ob es moralisch überhaupt gerechtfertigt ist einen Menschen als das personifizierte Böse anzusehen. Sofern jemand als Einzelner oder Teil einer Gruppe dieses Etikett angeklebt bekommt, ist er vogelfrei. Mit diesen Status versehen ist ein Mensch ein Geist. Sein Wille und seine Gefühle üben keinen Gewicht mehr aus. Mit ihm darf alles geschehen wie es den Rest der Menschheit beliebt. Diese Entrechtung geht mit einen Verlust des Zwanges zur Empathie einher. Dieser Mensch muss nicht mehr empathisch behandelt werden. In den Augen derjenigen die dieses Etikett vergeben ist da kein fühlendes wesen vorhanden das atmet und lebt. Wenn Moral eine Notwendigkeit des Zusammenlebens ist, wenn sie sich daraus ergibt, das Menschen im Verkehr miteinander damit konfrontiert werden, das sie miteinander zurecht kommen müssen. Und zwar als lebendige Einheiten mit eigenen Gefühlen Interessen, dann wird dem vogelfreien diese innere und äußere Einheit verweigert. Er ist wie gesagt ein Geist, er übt keinen Druck aus.

    Bin Laden ist so gesehen ein Symptom einer Weltgesellschaft die mittelalterlichen Regeln folgt. Sie ist nicht etwa ein anomisches chaos, sie hinkt als Ganzes der Entwicklung der Nationalstaaten gewaltig hinterher.

    Wenn man z.B. die üblichen Erklärungsmuster für die Ereignisse globaler Reichweite nimmt, findet man sehr oft voluntaristische Weisen der Erklärung. Eine verborgene Kraft die unsichtbar ihr Wirken entfaltet. Für uns unerreichbar und alternativlos. Diese Kaft heisst dann, USA oder Mossad, Judentum oder Al Quida. Man könnte auch von einen modernen Gottesersatz sprechen. Und da sind wir auch wieder bei den Mittelalter angekommen.

    Ich für meinen Teile denke, man darf drüber froh sein das man sich vor einer Gewalttat nicht mehr zu fürchten braucht. Aber man darf nicht froh drüber sein, dass dafür ein anderer Mensch sterben musste. Vor allem wenn man bedenkt, dass es möglicherweise eine Angstbewältigung ist, die sich nur in der Phantasie abspielt. Zudem hat sich nun öfter gezeigt, dass eine Gewalttat die nächste provoziert. Selbst wenn man ganz eigennützig vorgeht, ist die gezielte tötung wie sie Israel schon länger praktiziert keine Hilfe. Die gezielte Tötung des personifizierten Bösen, der Amerikaner, hat der islamistischen Bewegung auch im Falle des WTC auch keinen Frieden verschafft.

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